ENGAGEMENT: Hildegard Denninger - Die Frau mit „BISS“

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Name: 
Hildegard Denninger
Nachname: 
Denninger
Firma: 
Zeitschrift "BISS"
Info: 

 

 1991 fand in der Evangelischen Akademie Tutzing eine Tagung zum Thema „Obdachlosigkeit – ein Skandal und seine Ursachen“ statt. Obdachlose Menschen, Sozialarbeiter, Journalisten und Kirchenleute kamen auf die Idee, gemeinsam eine Zeitschrift herauszugeben. Der Name des Projekts: BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten. Hilfe zur Selbsthilfe. 1993 kam die erste BISS-Ausgabe heraus, das bundesweit erste Straßenmagazin. Heute hat das Magazin monatlich eine verkaufte Auflage von über 37.000 Exemplaren.

 

Hildegard Denninger ist seit 13 Jahren Geschäftsführerin. Für ihr Engagement wurde ihr die Ehrenmedaille der Stadt München „München leuchtet“ und 2008 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Doch damit nicht genug. Hildegard Denninger plant ein absolutes Ausnahmeprojekt: Sie baut einen Frauenknast, die Justizvollzugsanstalt Am Neudeck in der Au in München, in ein erstklassiges Hotel um: das „Hotel BISS“.

 

Anne Lehr: BISS, das Münchner Straßenmagazin, und First-Class-Hotellerie – wie passt das zusammen? Wann soll das Hotel eröffnet werden?

 

Hildegard Denninger: Das passt ganz wunderbar zusammen. „Nur das Beste ist uns gut genug für die Betroffenen“ ist unsere BISS-Maxime. Das Beste für unsere (ehemals) obdachlosen, meist älteren BISS-Verkäufer sind soziale Kontakte und die Möglichkeit, durch den Verkauf der Zeitschrift BISS eigenes Geld zu verdienen. Für junge, sozial benachteiligte Menschen ist ein guter Ausbildungsplatz die beste Gewähr für ein selbst bestimmtes Leben inmitten der Gesellschaft. Wir hoffen deshalb, dass wir im Herbst 2012 Hotel BISS eröffnen können.

 

Anne Lehr: Sie planen mit dem Hotel BISS ein Zukunftsmodell, das benachteiligten jungen Menschen Ausbildung und Karriere bietet. In welcher Form?

 

Hildegard Denninger: Bei uns werden Jugendliche und junge Erwachsene von den besten Fachkräften aus der Hotelbranche ausgebildet. Der Standard wird der eines 4-Sterne-Hauses sein. Wir bilden in sämtlichen Aufgabenbereichen des klassischen Hotelfachs und der Gastronomie sowie weiteren zukünftigen Dienstleistungsberufen wie dem Reinigungs- und Handwerksbereich aus.

 

Wir wollen mit mindestens 15 jungen Leuten beginnen und werden jedes Jahr ungefähr die gleiche Anzahl hinzunehmen. Nach drei Jahren haben wir dann mit etwa 40 Auszubildenden „full house“/„ausgebucht“. Wir wählen die Azubis mit unseren Kooperationspartnern aus. Voraussetzung ist erst einmal nur, dass sie motiviert sind und die persönliche Betreuung außerhalb der Berufsausbildung sichergestellt ist. Von Vorteil ist in jedem Fall die Zweisprachigkeit, die Migrantenkinder von Hause aus mitbringen.

 

Anne Lehr: München hat im Vergleich zu anderen Städten ein gutes Hilfesystem. Dennoch braucht es Initiativen wie BISS.

 

Hildegard Denninger: Ja, denn trotz der breit gefächerten stationären und ambulanten Angebote halten sich auch in München ständig zirka 400 allein stehende wohnungslose Menschen auf der Straße auf. Etwa 15 Prozent davon sind Frauen. Der Anteil der obdachlosen Frauen steigt bundesweit. Man geht von einer Quote von 13 Prozent bis 23 Prozent aus.

Derzeit haben wir über 100 BISS-Verkäufer. Es melden sich zwischen 20 und 30 neue Anwärter im Jahr. Sie werden auf Bedürftigkeit hin überprüft und können dann die Zeitschrift verkaufen. Obdachlosigkeit ist nicht Bedingung. Wir haben immer einige freie Plätze, so dass wir noch nie jemanden wegschicken mussten.

 

Anne Lehr: Und Ihre eigene Erfolgsstory? Wie wird man Geschäftsführerin einer Straßenzeitung?

 

Hildegard Denninger: Ich bin gelernte Steuergehilfin und Bilanzbuchhalterin. Bevor ich zu BISS kam, habe ich fast 30 Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Bei BISS sah ich die Möglichkeit einer sinnvollen Arbeit für mich sowie die Chance, meine Professionalität im Sozialsektor einzusetzen. Ich war sicher, mittels der Zeitschrift ein von öffentlichen Geldern unabhängiges soziales Unternehmen aufbauen zu können, das nicht nur für das Fachpersonal, sondern auch für die Betroffenen feste Arbeitsplätze schafft.

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