ENGAGEMENT: Renata Neukirchen - Handicap = kein Handicap

 Von der Therapeutin zur Unternehmerin, das haben schon andere realisiert.
Doch Renata Neukirchen hat ein Konzept mit Nachhaltigkeit entwickelt:
Unternehmen, in denen Menschen mit einer lern-, geistigen oder psychischen
Behinderung mit nicht behinderten Menschen erfolgreich im Team zusammen
arbeiten. "Wir haben die grundlegende Erkenntnis gewonnen, dass jeder sich
entwickeln und seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann,
vorausgesetzt, dass die Bedingungen auf die jeweiligen Bedürfnisse
zugeschnitten sind".

Ihr erstes Gastronomieprojekt entstand 1995 mit dem „Conviva“-Restaurant (=
miteinander leben, der Gast) in München-Laim. Einzigartig und auch ein wenig
riskant: Sterne-Koch und behinderte Küchenhilfen. Und – es wurde zum Erfolg!
Es folgten das ‚Conviva’-Restaurant im Blauen Haus in München, die Cafeteria
im Gasteig, das Schulprojekt „Cantina Conviva“, der Mensa in der größten
Berufschule Münchens – in der man ein  Berufs-vorbereitungsjahr ‚Gastro’
absolvieren kann, um schulische Depressionen zu überwinden und Perspektiven
zu finden sowie die Cantina Conviva im Prinzregententheater und die Mensa im
Luitpoldgymnasium. Und auch mit ihren Firmen  ‚Umwelt-Team’ und ‚Putzblitz’
hat Renata Neukirchen ein weiteres Stück ‚Integrations-Geschichte’
geschrieben. Ihre Vision: Noch viele derartige Firmen in allen
Dienstleistungssparten zu gründen und Menschen zu begeistern, diese
Integration zu unterstützen!


Anne Lehr: Was brachte Sie auf diese Idee? Wie verlief der Start?
Renata Neukirchen: Ich hatte zu der Zeit eine kleine Praxis als Supervisorin
und Gruppenanalytikerin, in der ich unter anderem mit psychisch kranken
Kindern gearbeitet habe. Eines Tages, es war im Jahr 1985, fragten mich
Eltern, der einzigen Montessori-Schule im Kinderzentrum in München in der
nicht behinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden, ob ich
nicht ein über die Schule hinausgehendes Integrationskonzept entwickeln
könnte. Als ich mit meinen Recherchen begann, stellte ich fest, dass dies
eine Marktlücke ist. Um staatliche Unterstützung zu erhalten, habe ich mit
den Eltern einen Verein gegründet und schon aus dem Namen ‚Cooperative
Beschützende Arbeitsstätten’ erkennt man, dass daraus einige Firmen
entstehen sollten.

Mein Konzept fand damals im Ministerium für Arbeit und Soziales großen
Anklang. Erstmals haben wir 1986 eine Beratungsstelle für Menschen mit
Behinderungen eröffnet. Vom Ministerium erhielt ich einen Auftrag
Unternehmen in Bezug auf Arbeitsplatzgestaltung für behinderte Menschen zu
beraten. Dabei erfuhr ich, wie schwer es für Menschen mit einer Lern-,
geistigen oder psychischen Behinderung ist, einen Arbeitsplatz zu finden.
Kartoffeln schält heute eine Maschine, die Kaffeefrau wird, eingespart. Und
vieles mehr. Das hat mich gereizt eine Selbsthilfefirma für genau den
Personenkreis zu eröffnen.

Als ich diese Idee mit dem Vorstand unseres Vereins diskutierte, wurde klar,
ein solches Konzept ist Personengebunden. Und so habe ich begonnen zu
recherchieren, was muss man entwickeln, wie müssen die Arbeitsfelder
gestaltet sein, damit diese Menschen, die überwiegend praktisch arbeiten
können auch tatsächlich erfolgreich sind. Die zweite Grundlage war: Womit
kann ich genug Geld verdienen, um diesen Menschen einen richtigen Lohn zu
bezahlen – kein Taschengeld oder Almosen.


Anne Lehr: Welche Voraussetzungen müssen die Behinderten für eine Anstellung
erfüllen?
Renata Neukirchen: Wir erwarten, dass die Menschen mobil sind, deshalb sind
unsere Arbeitsplätze nicht für körperlich Behinderte geeignet. Dann sollte
man sich orientieren und im Straßenverkehr bewegen können. Es muss eine
Möglichkeit geben, dass man sich irgendwie verständigen kann, trotz einer
Sprachbehinderung. Und - von dem Behinderten muss der Wille ausgehen, dass
er sich mit uns verständigen möchte! Die Menschen müssen Lust haben auf
Lernen und auch motiviert sein zu arbeiten. Momentan beschäftigt die cba 180
Festangestellte. Davon 110 Menschen mit Handicap. Der Frauenanteil ist 50 %.