Erste deutsche Frau auf dem Mount Everest

 Helga Hengge: The only way is up! 

Erste Deutsche auf dem Mount Everest. Stylistin.Autorin. Referentin

 Sie war Moderedakteurin, hat Film und Philosophie an der New University studiert. Abschluss des Studiums, BA mit Honors. 1996 begann Sie mit Freeclimbing und bereits 1999 bewältigte sie den Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest! Seit dem hat sie weitere Gipfelstürme auf dem Programm: Die Seven Summits, ein Abenteuer das die ganze Erde umspannt, denn zu den Seven Summits zählt der höchste Berg auf jedem der sieben Kontinente— der höchste Berg der Antarktis, ein fast 7000er in den Anden, die eisigen Höhen Alaskas, ein Schneeberg in Afrika, der höchste Berg Europas im Kaukasus, eine Steinpyramide in Neuguinea und das Dach der Welt in Tibet. Vier Summits hat sie bereits erklommen. Was sie antreibt? „Herausforderungen zu meistern…“

 150 Bergsteiger hatten in der Saison 1999 versucht, den Mount Everest zu bezwingen. 120 mussten nach Hause fahren, ohne auch nur in die Nähe des Gipfels gekommen zu sein. Sie haben es geschafft: 27. Mai 1999, 7 Uhr, Mount Everest 8.848 Meter. Den Gipfel vor Augen, wie verliefen die letzten Minuten? Was ging in Ihnen vor, als Sie Ihr Ziel tatsächlich erreichten?

 

Helga Hengge: “Der wirkliche Gipfelgrat bestand aus drei Schneewellen, die sich weit über die Kangchung-Wand lehnten. Zum Gipfel war es nun nicht weiter als ein Straßenblock in New York, aber in dieser Höhe bedeutete das fast eine halbe Stunde. Langsam folgte ich Loppsangs (Loppsang war einer der Sherpas in unserer Expedition und dies war sein dritter Aufstieg zum Gipfel) Schritten auf dem winkeligen Pfad zum Dach der Welt. Es war ein berauschendes Gefühl, dem Gipfel so nah zu sein – nur ein paar Schritte noch. Ich hatte wieder die Bilder von den eingemummten Figuren in ihren bunten Daunenanzügen vor Augen, die ihre Eispickel wie einen Spazierstock umklammerten und in deren Gletscherbrillen sich der Gipfelgrat spiegelte. Nun war ich selbst eine dieser Figuren und dem Himmel so nah.

 

Still ließ die Morgensonne die Welt in ihrem Licht erstrahlen. Ich drehte mich um. Weiße Wolkenschwaden bedeckten die Täler – nur die höchsten Gipfelspitzen des Himalaya ragten heraus und schwebten über der Erde. Eine unendliche Glückseligkeit durchströmte mich. Die Sonnenstrahlen bannten Millionen von auffliegenden kleinen Schneekristallen wie in einer Momentaufnahme; dann rieselten sie leise weiter über die Schneefelder. Jeder Schritt erforderte eine immense Anstrengung, aber es waren nun nicht mehr viele, die wir tun mussten, um ganz oben zu stehen. Auf einmal wölbte sich der tiefblaue Himmel vor uns hinunter – weder Fels noch Eis erhob sich mehr vor uns. Ich schaute mich um. Wir waren wirklich am höchsten Punkt angekommen! Loppsang lachte mich an, und ich umarmte ihn. All die Wochen, in denen wir immer nach oben geschaut 

 

 

  hatten, waren mit einem Mal vergessen – der ganze Himalaya lag zu unseren Füßen. Zwei Monate zuvor waren wir mit unserer Expedition im Basislager angekommen und hatten die Zelte aufgeschlagen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie viele Millionen Schritte ich brauchen würde, um einmal hier oben zu stehen. Nun saßen wir auf dem schmalen Gipfel im Schnee und atmeten die dünnste Luft der Erde. Hunderte von Gebetsfahnen waren an einem Eispickel fest gebunden und flatterten im Wind. Ich knotete die weiße Khata, die mir ein Lama in Lhasa gegeben hatte, von meinem Rucksack los, band sie über den Fahnen an dem Eispickel fest und schickte meine Gebete mit ihr in den Himmel. Die Tibeter nennen ihren höchsten Berg Chomolungama – Muttergöttin der Erde. Ich drückte zum Dank an die Göttin meine Wangen in den gefrorenen Schnee ihrer Gipfelkrone.

 

Es gab sicher auch schwierige Zeiten am Berg. Wie haben Sie es geschafft Tiefpunkte zu überwinden und nicht aufzugeben?

 

Helga Hengge: Es gab beim Aufstieg immer wieder Momente wo ich am liebsten alles hingeschmissen hätte; wo der Gipfel zu hoch, zu weit, übermächtig, unerreichbar schien, Momente in denen Zweifel und Ohnmacht sich in mir ausgebreitet haben. Das gehört dazu, wenn man sich einer großen Herausforderung stellt, die Angst, das Ziel nicht erreichen zu können, die aufsteigende Frustration, das Gefühl auf dem falschen Weg zu sein; oder auf dem richtigen Weg ohne die ausreichende Kraft. In solchen Zeiten habe ich mich oft an meinen Berg gesetzt, mich umgedreht und hinunter geschaut, hinaus über die Hürden der vergangenen Tage, Wochen und Monate. Da wurde mir bewusst wie viel ich schon geschafft hatte. Und dieses Zurückblicken hat neue Kräfte freigesetzt – für den Aufstieg!